Sonntag, 23. Dezember 2007

Wo die Weihnachtshasen hoppeln

Weihnachtsstress? Ha, darüber kann ich nur lachen. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich alle Geschenke schon vor Wochen gekauft. Toll! Das werde ich ab jetzt jedes Jahr so machen, denn es entspannt ungemein durch die Stadt zu gehen und breit in das genervte Gesicht der Masse zu grinsen. Ich schlendere durch die Stadt, gehe völlig entspannt in die verschiedensten Läden, sehe mir die ganzen Sachen an, die ich zum Glück nicht kaufen brauche - und entdecke manchmal Überraschendes.
So ging ich neulich zum Minimal-Markt auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Nach einem eher langweiligen Arbeitstag wollte ich mir wenigstens was Spannendes zum Essen kaufen. Langsam ließ ich meinen Blick über die Regale mit Nahrungsmitteln schweifen. Kauf ich Kaviar? Ach nee, hab ich noch zu Hause. Lachs aus garantiert biologischem Anbau? Nicht schon wieder. Rinderhack vom Ökohof? Hm, vielleicht ... aber was zur Hölle ist das???!!!
Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Ganz zuunters im Regal mit den Milch- und Ei-Produkten lagen bunte Eier! Gerade wollter ich mich aufregen nach dem Motto: "Weihnachten ist noch nicht mal vorbei und schon liegen die ersten Osterprodukte im Supermarkt," da betrachtete ich mir die durchsichtigen Plastverpackungen genauer. Goldene Eier glänzten im Kunstlicht. Und auf der güldnen Farbe prankte rot - der Weihnachtsmann.Es waren "Weihnachtseier" und die gab es im Viererpack für 1,29 €. Wucher! Ich meine, wovon reden wir hier? Vier hartgekochte Eier, maschinell bemalt und bunt beklebt. Und was haben bunte Eier mit Weihnachten zu tun? Bunte Eier = Ostern! Oder gibt es jetzt etwa schon Weihnachtshasen, die unter dem Tannenbaum hoppeln? Also bei uns nicht. Bei uns kommt der Weihnachtshase auf den Tisch - gut durchgebraten. Und so soll es sein!
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Ich wünsche allen (beiden) regelmäßigen Besuchern meines Blogs - und allen anderen natürlich auch - ein frohes Weihnachtsfest. Lasst Euch reich beschenken und den Weihnachtshasen schmecken!

Montag, 17. Dezember 2007

Gott hilf! Fischer lässt singen

Menschenmassen branden an Fachwerkhäuser. Die Luft ist geschwängert von Bratwurst- und Glühweindunst. Es ist Advent, Advent in Quedlinburg, Advent in den Höfen. Auf dem Marktplatz ist ein Weihnachtsmarkt aufgebaut mit Glühwein- und Bratwurstbuden, mit kleinen Läden, an denen man alles kaufen kann, was das weihnachtlich gestimmte Herz begehrt. Doch nicht nur hier tummeln sich die Massen. Auch die hinter Fachwerkfassaden versteckten Höfe sind offen. Allüberall wird verkauft und gekauft. In den letzten Jahren ist "Advent in den Höfen" zu einem Event geworden, das man gesehen haben muss. Das sagen nicht nur Werbung und Medien, das sagen auch meine Eltern - und deshalb bin ich hier, dränge mich durch schmale Gassen und kann vor lauter Menschen das Fachwerk kaum erkennen.
Sogar der beliebte Heimatsender mdr hat das Potential des weihnachtlichen Quedlinburg erkannt. Direkt vor dem Rathaus steht eine von Scheinwerfern grell erleuchtete Bühne, davor Kameraleute, daneben eine riesige Videoleinwand und darauf, ich kann es gar nicht glauben, darauf steht Gotthilf Fischer, der greise Chorleiter der nach ihm benannten Chöre. Ich wusste gar nicht, dass der noch lebt. Doch offensichtlich ist er mopsfidel.
Es ist ein Verdienst des mdr, in Würde ergraute Ex-Promis aus dem Altenheim zu locken, vor die Kameras zu ziehen und die verschiedensten Fernsehformate mit ihnen zu bevölkern. Diesmal ist also Gotthilf Fischer dran, live auf dem Quedlinburger Marktplatz und auf allen Bildschirmen des Staatsvertragsgebietes des mdr. Und ich? Ich stehe eingeklemmt im Publikum und sehe andächtig und ein wenig irritiert auf das Urgestein des deutschen Volksliedgutes. Dann wird gesungen. Gotthilf Fischer sagt das Lied an. Es ist "O Tannenbaum". Dann steigt er auf eine Kiste und hebt die Arme. Rascheln im Publikum. Die Zettel mit dem Text werden entfaltet. Eifrige Helfer des mdr hatten diese wohlweislich vor der Veranstaltung großzügig unters Volk gebracht. Aus Lautsprechern erschallt Musik, das Volk beginnt zu singen, Fischer dirigiert. Er steht auf seiner Kiste, wippt mit den Füßen und flattert mit den Armen. Fahrig im Rhythmus der Musik gehen die Arme rauf und runter, mal nach rechts, mal nach links auschwenkend. Er wirkt wie ein vom Liedgut beseelter Aushilfsengel auf dem Weg zu seinem Schöpfer. Gleich, gleich hebt er ab! Doch nicht! Schade. Und das Volk singt weiter.
Das ganze Volk? Wohl nicht. Hinter mir macht sich Unmut breit. Ein dicker Mann mit hochrotem Gesicht quält sich fluchend durch die Menge, seine fette Alte im Schlepptau, einem schwitzenden Schlachtross gleich. Beide wollen "durch". Beide wollen "raus" und sagen das auch lautstark, die Weihnachtsklänge völlig ignorierend. Sie fluchen und schimpfen und sabbern und machen von ihren dicken Bäuchen und spitzen Ellenbogen gebrauch. Die Menge wogt wie ein aufgebrachtes Meer und auch ich schaukle, kann nicht umfallen, werde von einem Sog ergriffen, bewege mich flugs durch Menschenmassen ohne die Füße zu bewegen. Gotthilf Fischer entschwindet meinem Blick. Dann kann ich die Bühne nicht mehr sehen und plötzlich stehe ich im Freien. Das Menschenmeer hat mich ausgespuckt. Ich stehe in der Breiten Straße und höre die erst Zeile des nächsten Liedes: "Ihr Kinderlein kommet". Ich aber gehe in die elterliche Wohnung und plündere den Kühlschrank.

Mittwoch, 21. November 2007

Kino: Beowulf, der Pixelkönig

Die Geschichte klingt spannend und hat Potential: Wir schreiben das Jahr Fünfhundertirgendwas. Der große Held Beowulf fährt nach Dänemark, um dem Dänenkönig bei der Bekämpfung eines Ungeheuers zu helfen. Grendel heißt das Vieh und unser Held und seine Mannen bekämpfen es wild entschlossen, besiegen es unter großen Verlusten und schließlich wird Beowulf sogar König der Dänen, als sein Vorgänger freiwillig den Weg alles Irdischen geht. Aber er hat die Rechnung ohne die Familie des Monsters gemacht. Grendel hat eine Mutter, die den Tod ihres Sohnes nicht so ohne weiteres hin nimmt. Beowulf muss also noch mal ran, Grendels Mutter killen. Diese stellt sich jedoch als Angelina Jolie heraus, der auch der größte Held nicht wiederstehen kann. Statt ihr das Leben zu nehmen macht er ihr ein Neues, was sich gut 20 Jahre später rächt und ein weiteres Heldenmetzeln nach sich zieht. Männer tot. Frauen traurig. Abspann!
Wow, was für ein Stoff, dachte ich mir. Und alles wurde in einer, laut Werbung, bahnbrechend neuen Technik namens Motion Capture gedreht bzw. nachbearbeitet. Ich war wirklich neugierig, sowohl auf die neue Technik als auch auf die Umsetzung der Geschichte. Dann ging das Licht im Kino aus und 114 Minuten Grauen begannen.
Was zur Hölle sollte das?! Digitale Avatare, die wie die Hollywoodstars Anthony Hopkinsn, John Malkovich, Robin Wright Penn und Angelina Jolie aussahen, agierten hölzern in einer Märchenlandschaft, deren Pixel man zwar nicht sah, bei der aber das Pixel-Gefühl zum Dauerzustand wurde. Ich war zu keinem Zeitpunkt "in der Geschichte", nie wirklich gefesselt, denn nichts wirkte glaubhaft. Ich sah keine Geschicht. Ich sah eine Computeranimation!
Und das Schlimmste von allem war Beowulf selbst. Für seine Darstellung haben die Filmemacher einen Typen namens Ray Winstone eingescannt, der wohl schon bei "King Arthur" mitgespielt haben soll, was nicht unbedingt eine Auszeichnung ist. Winstone spielte mies und pathetisch und das kann nicht nur an seiner Pixelmaskerade gelegen haben.
Den Film als "bahnbrechend" zu bezeichnen, ist ein Hohn. Die Computerspiel-Ästhetik als etwas Besonderes zu bezeichnen, eine Frechheit. Wenn ich Computerspiel-Ästhetik will, dann spiele ich ein Computerspiel!

Samstag, 17. November 2007

Bin ich jetzt Arzt, oder was?

Es ist schon fast Routine. Ich stehe in einer Umkleidekabine und ziehe mir ein grünes Kleidungsstück, Kassak genannt, über den Kopf. Eine grüne Hose habe ich schon an. Grüne Gummischuhe folgen, dann eine hellgrüne Wegwerfmütze und ein Mundschutz. Beim Atmen durch den Mundschutz beschlägt die Brille. Ich ziehe ihn ein wenig nach unten. Besser. Philipp sieht mich an, beide sehen wir zu Dr. S. "Bereit wenn Sie es sind, Sir", denke ich wortlos und dann gehen wir in den Operationssaal 4, wo die Arbeit schon im Gange ist.
Bin ich jetzt Arzt, oder was?
Eine Gruppe Grünvermummter steht um einen Operationstisch. Die Maschine mit dem "Bing" ist eingeschaltet. Ein zischend-schlürfendes Geräusch kommt vom Patienten, der mit grünen Tüchern bedeckt auf dem Tisch liegt. Ein Stück von seinem Kopf ist zu sehen und in der Bauchgegend leuchten seine Innereien rötlich. Mit einem Schlauch wird Blut abgesaugt, was das seltsame Geräusch erklärt. Ich nähere mich den Chirurgen, die mich nicht beachten, sondern konzentriert ihrer Arbeit nachgehen.
Bin ich jetzt Arzt, oder was?
Die ganze Szenerie nimmt mich gefangen. Hier stehe ich im OP und sehe aus wie die anderen auch. Was tun, wenn ich was gefragt werde, oder schlimmer: Was tun, wenn ich irgendwas machen soll? Worte wie "Viszeralchirurgie" oder "Kolorektales Karzinom" wabern durch mein Gehirn. Ich habe keine Ahnung, worum es geht. Ein Arzt sagt: "Tupfer!" aber er meint zum Glück nicht mich. Eine Schwester reicht ihm das Gewünschte.
Bin ich jetzt Arzt, oder was?
Dann steht Philipp neben mir, eine Fernsehkamera geschultert, und sagt: "Also, Burkhard, ich habe folgende Bilder gemacht ..." und er zählt mir alle Schwenks, alle Zufahrten und Aufzieher, alle Nahen und Totalen auf, die er mit seiner Kamera gemacht hat. Und mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich bin kein Arzt, ich bin ein Fernsehredakteur der einen Beitrag macht. Nach 20 Minuten verlassen wir den OP, ziehen uns um und werden wieder zu ganz normalen Menschen.

Der wütende Mann

Ich hatte mit einem ruhigen Freitag gerechnet. Einen netten, bunten Beitrag über einen Mops beim Maßschneider machen, nachmittags ein paar Themen recherchieren und am Abend mit einer Tüte Chips vor dem Rechner sitzen und "Siedler" spielen. Doch es kam etwas völlig anderes.
Gerade war der Mops neu eingekleidet, da klingelte das Mobiltelefon. Die Nachricht: "Der Kinderschänder von Delitzsch wurde gefasst!" Nüscht wie hin! Nach Delitzsch! Ans Ende der bekannten zivilisierten Welt! Zwei in Worte gekleidete Empfindungen kollidierten in meinem Gehirn: 1. Ein Glück! 2. Verdammt! Ein Glück, der Typ wurde gefasst. Verdammt, ich muss nach Delitzsch, es ist Freitagnachmittag und es ist arschkalt.
Hier nun ein paar Hintergrundinformationen, die ich Deutschlands größter Tageszeitung (die nunmehr meine tägliche Lektüre ist) entnommen habe: Am Montag, dem 5. November 2007, zerrte ein junger Mann von etwa 25 Jahren ein kleines 9jähriges Mädchen vom Schulweg in sein Auto, brachte es in seine Wohnung, vergewaltigte es dort und fuhr es anschließend zurück zur Schule. Dort vertraute sich das Mädchen einem Lehrer an, der informierte sofort die Polizei. Eine großangelegte Fahndung begann. Am Mittwoch stand es samt Phantombild in allen Zeitungen. Delitzsch war in Panik. Eltern hatten Angst um ihre Kinder. Das Grauen hing über der Stadt.
Nach unglaublich kurzer Zeit war die Fahndung erfolgreich. Der Täter wurde in der Polizeidienststelle Delitzsch verhört - und als wir dort ankamen unterhielt sich vor dem Tor bereits der Kollege von Deutschlands größter Tageszeitung mit den Kollegen eines ebenfalls recht großen privaten Fernsehsenders. Wo haben die nur ihre Informationen her? Ich tippte auf okkulte magische Praktiken und gesellte mich zu ihnen. Außer Belanglosem und schon Bekanntem erfuhr ich nichts Neues.
Das Warten begann. Das Warten worauf? Das Warten auf das Bild vom Täter in Handschellen, der über den Hof gebracht wird. Das Bild, das uns die Fernsehanstalten der Republik aus den Händen reißen werden. Ich wartete. Ich frohr. Die Zeit verging. Der Wind frischte auf. Und ich stand da, die Hände tief in den Taschen vegraben, und dachte über das kleine Mädchen nach. Zum Glück lebte sie noch, aber an dem Verbrechen wird sie ihr Leben lang zu leiden haben. Das machte mich wirklich wütend. Wütend machte mich auch, wie lange das Verhör nun schon dauerte. Es war dunkel geworden. Wir warteten seit fünf Stunden. Die Kälte fraß sich in die Knochen. Ich holte Kaffee für mich und meinen Kameramann von einem Dönerladen, doch auf dem Weg kühlte sich auch der Kaffee ab und wärmte kaum noch.
Eine weitere Stunde verging. Dann endlich passierte etwas. Alles ging sehr schnell. Eine Tür ging auf, zwei Polizisten brachten einen Mann über den Hof, der seinen Pullover über den Kopf gezogen hatte, und verschwanden wieder in einer Tür. Das Ganze dauerte knapp 20 Sekunden. Wir hatten ein Bild. Nun brauchten wir noch eins, wenn der Täter in den Gefängniswagen steigt und nach Leipzig gefahren wird.
Zwanzig Minuten später. Ein großer Gefängniswagen hielt direkt vor einer Tür. Das Licht wurde ausgemacht. Kameraleute fluchten und aufgebrachte Delitzscher riefen wüste Beschümpfungen ins Dunkel. Dann verließ der Wagen die Polizeidienststelle und brauste in Richtung Leipzig.
Endlich ist es vorbei, dachte ich mir. Endlich geht es nach Hause, wo mein Computer und die "Siedler" auf mich warten. Aber weit gefehlt. Während des Wartens haben wir nämlich Namen und Adresse des Täters erfahren. Ein Bild vom Tatort, das ist es, was wir noch unbedingt brauchen. Wir fuhren in eine schlechtbeleuchtete Neubausiedlung am Rande der Stadt. Ich stieg aus und suchte auf den Klingelschildern der schmucken Einfamilienhäuser nach dem Namen. Und da war er auch schon. Wir parkten auf der gegenüber liegenden Straßenseite.
Kaum hatte mein Kameramann seine Kamera aus dem Auto geholt, drang lautes Brüllen an unser Ohr. Ein sehr wütender, grauhaariger Mann kam auf uns zugerannt. "Haut ab!" rief er uns zu. "Verschwindet!" "Ich hole die Polizei!" Er schwang eine Zaunlatte über seinem Kopf, versteckte sie aber gleich wieder, denn wie auf Bestellung bog wirklich ein Polizeiauto in die Straße ein und hielt auf uns zu. Der wütende Mann rannte zu den Polizisten, gestikulierte wild, schrie ihnen ins Gesicht: "Nehmen Sie die fest! Die belästigen mich!"
Langsam rollte das Polizeiauto auf uns zu. Die Scheibe war bereits herunter gekurbelt. Zwei leicht genervte Polizisten sahen uns an, fragten, wer wir seien, für welchen Sender wir arbeiteten. Wir sagten es und die Polizisten zuckten mit den Schultern, baten uns, unser Auto ordnungsgemäß zu parken und fuhren von dannen.
Wir fuhren auch ein Stückchen weg und überlegten, was zu tun sei. Wir brauchten das Bild vom Tatort. Unbedingt! Der wütende Mann war verschwunden. Sehr leise und sehr langsam fuhren wir zum Haus zurück. Kaum hielten wir, war das Brüllen wieder da, gefolgt von seinem Verursacher, der sich wieder mit der Zaunlatte bewaffnet hatte. Ich spürte, wie mein Herz in der Kehle pochte. Ich war so aufgeregt, dass mir fast das Adrenalin aus den Ohren lief. Doch was wir tun mussten, war uns klar. Wir brauchten das Bild!
Langsam, beruhigende Worte säuselnd, gingen wir auf den Mann zu. Wir wollten mit ihm reden, ihm unseren Standpunkt klar machen und ihm erklären, dass für ihn keine Gefar bestünde. Schließlich wollten wir kein Bild von ihm machen. Uns ging es einzig und allein um das Haus gegenüber, das man bei der schlechten Beleuchtung eh nicht richtig würde erkennen können. Der Mann jedoch steigerte sich in wilde Beschimpfungen hinein, drohte mit der Zaunlatte, bezeichnete uns als Aaßgeier, die man aufhängen sollte. Wir seien schlimmer als alle Kinderschänder zusammen. Ich zitterte und es fiel mir schwer, ruhig zu bleiben.
Dann bekamen wir unerwartet Hilfe. Frau und Sohn des wilden Mannes kamen aus dem Haus, redeten beruhigend auf ihn ein und redeten und redeten - und schließlich gingen alle drei zurück ins Warme, während wir in der Kälte das Haus des Täters filmten, endlich unser Bild hatten und zurück nach Leipzig fahren konnten.
Im Auto dachte ich ausgiebig über den Sinn meiner Arbeit nach ...

Mittwoch, 14. November 2007

Kirche aus dem Dorf

Frierend steht der Tross der Journalisten an einem Parkplatz. Rauchen, Kaffee trinken, Warten. Alle sind da. Allein der mdr hat fünf Kamera-Teams geschickt. Allradtransporter stehen bereit. Ein Mann von der MIBRAG winkt. Einsteigen! Wir drängeln uns rein, sitzen wie die Heringe auf schmalen Bänken. Kameraleute umklammern ihre Kameras als wären es Neugeborene. Auf dem Boden stapeln sich Stative. Die Stimmung ist gut, die Heizung läuft auf vollen Touren. Ein Ruck und es geht los.
Holpernd, ratternd fährt uns der Transporter quer durch den Tagebau "Neues Schleenhein". Riesige Bagger wühlen sich in die Erde. Braunkohle scheint immer noch das große Geschäft zu sein. Da lohnt es sich schon, ein ganzes Dorf wegzubaggern. Heuersdorf ist der Name des Dorfes. In einem Jahr ist es weg, egal wie sehr sich die Bewohner gegen die Umsiedlung gewehrt haben. Ein Stück Leben, ein Stück Geschichte muss der Kohle weichen. Doch nicht ganz, denn etwas wird bleiben.
Ruckend hält der Wagen. Wir steigen aus und stellen fest, dass wir nicht die Ersten sind. Kameras wohin das Auge blickt. Und alle Augen blicken in eine Richtung: zum Ortsausgang. Dort steht sie, die Emmauskirche, über 700 Jahre alt. Und ... sie steht auf Rädern! 40 Achsen hat der Trailer, der sie nach Borna bringen soll, 12 Kilometer entfernt. Ein kleines Stück für einen Menschen, ein gigantischer Weg für eine Kirche.
Bewegung bei den Journalisten. Hastig werden Kameras geschultert. Gehts schon los? Ich bin nervös und neugierig und kann plötzlich meinen Kameramann nicht finden. Verdammt! Ich greife zum Handy, will gerade seine Nummer wählen, da steht plötzlich neben mir. Und zum leisen Surren der Kamera entfernt ein Arbeiter das Ortseingangsschild von Heuersdorf.
Aus dem Surren wird ein lautes Brummen. Zum Glück ist es nicht die Kamera. Der Motor des Trailers wird angeworfen. Ein junger Mann mit Overall und Bauhelm sitzt auf einer Art Podest direkt vor der Kirche auf dem Trailer. Auf dem Schoß einen Kasten. Auf dem Kasten ein Joystick. Eine leichte Bewegung mit dem Finger und langsam rollend begibt sich die Kirche auf die Reise.

Was für ein Anblick! 600 Tonnen Bauwerk plus 100 Tonnen Fahrzeug machen sich auf den Weg. Erst sehr langsam und dann, zumindest für eine Kirche, überraschend schnell. Mit 2 km/h verlässt die Emmauskirche Heuersdorf, fährt die Landstraße entlang und verschwindet hinter einer Gruppe von Bäumen.

Schachboxen

Ein Bild, das ich neulich bei SPIEGEL online gesehen habe, beeindruckte micht tief. Ich sah einen Boxring und in ihm zwei Boxer. Doch die beiden boxten nicht. Sie saßen schwitzend an einem Tisch, Kopfhören auf den Ohren und blickten angestrengt ... auf ein Schachbrett. Schachboxen heißt der neue Sport und Anfang November fand in Berlin die erste Weltmeisterschaft statt. Es kämpften der Berliner Frank Stoldt gegen den US-Amerikaner David Depto. Der Berliner gewann und darf sich jetzt Weltmeister der WCBO (World Chess Boxing Organisation) nennen. Was es nicht alles gibt.

Was hat das nun mit mir zu tun?
Beim Schachboxen muss der Sportler sehr schnell vom überlaufenden Adrenalin des Kampfes auf Logik und Intelligenz des Schachspieles umschalten. Was für eine Leistung. Ganz so sieht es in meinem Leben nicht aus, aber es gibt Parrallelen. Ich habe zwei neue Hauptauftraggeber, die sich krasser nicht unterscheiden könnten. Zwei Wochen pro Monat arbeite ich für eine Fernsehagentur und steige für RTL, Sat1, mdr oder was es sonst noch in der deutschen Fernsehlandschaft gibt in die tiefen Abgründe des Boulevard-Journalismus. Gefragt ist, was Quote bringt - und ich hab Spaß an der Sache.
Und was mache ich in den anderen beiden Wochen? Ich arbeite hochkonzentriert zu Hause an meinem Rechner für die Online-Enzyklopädie eines großen deutschen Lexikon-Verlages. Es ist wirklich wie beim Schachboxen. Jede Woche schalte ich um von der Hochkultur zum Trivialen, vom Adrenalin auf der Straße zur Konzentration am Rechner. Und beides macht Spaß.

Und der neue Blog?
Insbesondere während meiner Arbeit für das Fernsehen erlebe ich ziemlich krasse oder zumindest interessante Geschichten. Die will ich nicht für mich behalten. Aber nicht nur darum soll es hier gehen. Sehe ich einen tollen Film im Kino, gehe in ein Konzert oder auf eine Party - Ihr erfahrt davon (vorausgesetzt, es ist erzählenswert). Wahrscheinlich schreibe ich nicht so regelmäßig, wie in meinen Urlaubs-Blogs. Aber es ist geplant, wenigstens ein mal pro Woche eine Geschichte zu veröffentlichen. Manchmal sammelt sich was an, dann können es an einem Tag auch mehrere sein. Mal sehen, ob ich das durchhalte. Ein Anfang ist gemacht.
Ich wünsche Euch viel Spaß.