Sogar der beliebte Heimatsender mdr hat das Potential des weihnachtlichen Quedlinburg erkannt. Direkt vor dem Rathaus steht eine von Scheinwerfern grell erleuchtete Bühne, davor Kameraleute, daneben eine riesige Videoleinwand und darauf, ich kann es gar nicht glauben, darauf steht Gotthilf Fischer, der greise Chorleiter der nach ihm benannten Chöre. Ich wusste gar nicht, dass der noch lebt. Doch offensichtlich ist er mopsfidel.
Es ist ein Verdienst des mdr, in Würde ergraute Ex-Promis aus dem Altenheim zu locken, vor die Kameras zu ziehen und die verschiedensten Fernsehformate mit ihnen zu bevölkern. Diesmal ist also Gotthilf Fischer dran, live auf dem Quedlinburger Marktplatz und auf allen Bildschirmen des Staatsvertragsgebietes des mdr. Und ich? Ich stehe eingeklemmt im Publikum und sehe andächtig und ein wenig irritiert auf das Urgestein des deutschen Volksliedgutes. Dann wird gesungen.
Das ganze Volk? Wohl nicht. Hinter mir macht sich Unmut breit. Ein dicker Mann mit hochrotem Gesicht quält sich fluchend durch die Menge, seine fette Alte im Schlepptau, einem schwitzenden Schlachtross gleich. Beide wollen "durch". Beide wollen "raus" und sagen das auch lautstark, die Weihnachtsklänge völlig ignorierend. Sie fluchen und schimpfen und sabbern und machen von ihren dicken Bäuchen und spitzen Ellenbogen gebrauch. Die Menge wogt wie ein aufgebrachtes Meer und auch ich schaukle, kann nicht umfallen, werde von einem Sog ergriffen, bewege mich flugs durch Menschenmassen ohne die Füße zu bewegen. Gotthilf Fischer entschwindet meinem Blick. Dann kann ich die Bühne nicht mehr sehen und plötzlich stehe ich im Freien. Das Menschenmeer hat mich ausgespuckt. Ich stehe in der Breiten Straße und höre die erst Zeile des nächsten Liedes: "Ihr Kinderlein kommet". Ich aber gehe in die elterliche Wohnung und plündere den Kühlschrank.

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