Menschenmassen branden an Fachwerkhäuser. Die Luft ist geschwängert von Bratwurst- und Glühweindunst. Es ist Advent, Advent in Quedlinburg, Advent in den Höfen. Auf dem Marktplatz ist ein Weihnachtsmarkt aufgebaut mit Glühwein- und Bratwurstbuden, mit kleinen Läden, an denen man alles kaufen kann, was das weihnachtlich gestimmte Herz begehrt. Doch nicht nur hier tummeln sich die Massen. Auch die hinter Fachwerkfassaden versteckten Höfe sind offen. Allüberall wird verkauft und gekauft. In den letzten Jahren ist "Advent in den Höfen" zu einem Event geworden, das man gesehen haben muss. Das sagen nicht nur Werbung und Medien, das sagen auch meine Eltern - und deshalb bin ich hier, dränge mich durch schmale Gassen und kann vor lauter Menschen das Fachwerk kaum erkennen.
Sogar der beliebte Heimatsender mdr hat das Potential des weihnachtlichen Quedlinburg erkannt. Direkt vor dem Rathaus steht eine von Scheinwerfern grell erleuchtete Bühne, davor Kameraleute, daneben eine riesige Videoleinwand und darauf, ich kann es gar nicht glauben, darauf steht Gotthilf Fischer, der greise Chorleiter der nach ihm benannten Chöre. Ich wusste gar nicht, dass der noch lebt. Doch offensichtlich ist er mopsfidel.
Es ist ein Verdienst des mdr, in Würde ergraute Ex-Promis aus dem Altenheim zu locken, vor die Kameras zu ziehen und die verschiedensten Fernsehformate mit ihnen zu bevölkern. Diesmal ist also Gotthilf Fischer dran, live auf dem Quedlinburger Marktplatz und auf allen Bildschirmen des Staatsvertragsgebietes des mdr. Und ich? Ich stehe eingeklemmt im Publikum und sehe andächtig und ein wenig irritiert auf das Urgestein des deutschen Volksliedgutes. Dann wird gesungen.

Gotthilf Fischer sagt das Lied an. Es ist "O Tannenbaum". Dann steigt er auf eine Kiste und hebt die Arme. Rascheln im Publikum. Die Zettel mit dem Text werden entfaltet. Eifrige Helfer des mdr hatten diese wohlweislich vor der Veranstaltung großzügig unters Volk gebracht. Aus Lautsprechern erschallt Musik, das Volk beginnt zu singen, Fischer dirigiert. Er steht auf seiner Kiste, wippt mit den Füßen und flattert mit den Armen. Fahrig im Rhythmus der Musik gehen die Arme rauf und runter, mal nach rechts, mal nach links auschwenkend. Er wirkt wie ein vom Liedgut beseelter Aushilfsengel auf dem Weg zu seinem Schöpfer. Gleich, gleich hebt er ab! Doch nicht! Schade. Und das Volk singt weiter.
Das ganze Volk? Wohl nicht. Hinter mir macht sich Unmut breit. Ein dicker Mann mit hochrotem Gesicht quält sich fluchend durch die Menge, seine fette Alte im Schlepptau, einem schwitzenden Schlachtross gleich. Beide wollen "durch". Beide wollen "raus" und sagen das auch lautstark, die Weihnachtsklänge völlig ignorierend. Sie fluchen und schimpfen und sabbern und machen von ihren dicken Bäuchen und spitzen Ellenbogen gebrauch. Die Menge wogt wie ein aufgebrachtes Meer und auch ich schaukle, kann nicht umfallen, werde von einem Sog ergriffen, bewege mich flugs durch Menschenmassen ohne die Füße zu bewegen. Gotthilf Fischer entschwindet meinem Blick. Dann kann ich die Bühne nicht mehr sehen und plötzlich stehe ich im Freien. Das Menschenmeer hat mich ausgespuckt. Ich stehe in der Breiten Straße und höre die erst Zeile des nächsten Liedes: "Ihr Kinderlein kommet". Ich aber gehe in die elterliche Wohnung und plündere den Kühlschrank.