Ich hatte mit einem ruhigen Freitag gerechnet. Einen netten, bunten Beitrag über einen Mops beim Maßschneider machen, nachmittags ein paar Themen recherchieren und am Abend mit einer Tüte Chips vor dem Rechner sitzen und "Siedler" spielen. Doch es kam etwas völlig anderes.
Gerade war der Mops neu eingekleidet, da klingelte das Mobiltelefon. Die Nachricht: "Der Kinderschänder von Delitzsch wurde gefasst!" Nüscht wie hin! Nach Delitzsch! Ans Ende der bekannten zivilisierten Welt! Zwei in Worte gekleidete Empfindungen kollidierten in meinem Gehirn: 1. Ein Glück! 2. Verdammt! Ein Glück, der Typ wurde gefasst. Verdammt, ich muss nach Delitzsch, es ist Freitagnachmittag und es ist arschkalt.
Hier nun ein paar Hintergrundinformationen, die ich Deutschlands größter Tageszeitung (die nunmehr meine tägliche Lektüre ist) entnommen habe: Am Montag, dem 5. November 2007, zerrte ein junger Mann von etwa 25 Jahren ein kleines 9jähriges Mädchen vom Schulweg in sein Auto, brachte es in seine Wohnung, vergewaltigte es dort und fuhr es anschließend zurück zur Schule. Dort vertraute sich das Mädchen einem Lehrer an, der informierte sofort die Polizei. Eine großangelegte Fahndung begann. Am Mittwoch stand es samt Phantombild in allen Zeitungen. Delitzsch war in Panik. Eltern hatten Angst um ihre Kinder. Das Grauen hing über der Stadt.
Nach unglaublich kurzer Zeit war die Fahndung erfolgreich. Der Täter wurde in der Polizeidienststelle Delitzsch verhört - und als wir dort ankamen unterhielt sich vor dem Tor bereits der Kollege von Deutschlands größter Tageszeitung mit den Kollegen eines ebenfalls recht großen privaten Fernsehsenders. Wo haben die nur ihre Informationen her? Ich tippte auf okkulte magische Praktiken und gesellte mich zu ihnen. Außer Belanglosem und schon Bekanntem erfuhr ich nichts Neues.
Das Warten begann. Das Warten worauf? Das Warten auf das Bild vom Täter in Handschellen, der über den Hof gebracht wird. Das Bild, das uns die Fernsehanstalten der Republik aus den Händen reißen werden. Ich wartete. Ich frohr. Die Zeit verging. Der Wind frischte auf. Und ich stand da, die Hände tief in den Taschen vegraben, und dachte über das kleine Mädchen nach. Zum Glück lebte sie noch, aber an dem Verbrechen wird sie ihr Leben lang zu leiden haben. Das machte mich wirklich wütend. Wütend machte mich auch, wie lange das Verhör nun schon dauerte. Es war dunkel geworden. Wir warteten seit fünf Stunden. Die Kälte fraß sich in die Knochen. Ich holte Kaffee für mich und meinen Kameramann von einem Dönerladen, doch auf dem Weg kühlte sich auch der Kaffee ab und wärmte kaum noch.
Eine weitere Stunde verging. Dann endlich passierte etwas. Alles ging sehr schnell. Eine Tür ging auf, zwei Polizisten brachten einen Mann über den Hof, der seinen Pullover über den Kopf gezogen hatte, und verschwanden wieder in einer Tür. Das Ganze dauerte knapp 20 Sekunden. Wir hatten ein Bild. Nun brauchten wir noch eins, wenn der Täter in den Gefängniswagen steigt und nach Leipzig gefahren wird.

Zwanzig Minuten später. Ein großer Gefängniswagen hielt direkt vor einer Tür. Das Licht wurde ausgemacht. Kameraleute fluchten und aufgebrachte Delitzscher riefen wüste Beschümpfungen ins Dunkel. Dann verließ der Wagen die Polizeidienststelle und brauste in Richtung Leipzig.
Endlich ist es vorbei, dachte ich mir. Endlich geht es nach Hause, wo mein Computer und die "Siedler" auf mich warten. Aber weit gefehlt. Während des Wartens haben wir nämlich Namen und Adresse des Täters erfahren. Ein Bild vom Tatort, das ist es, was wir noch unbedingt brauchen. Wir fuhren in eine schlechtbeleuchtete Neubausiedlung am Rande der Stadt. Ich stieg aus und suchte auf den Klingelschildern der schmucken Einfamilienhäuser nach dem Namen. Und da war er auch schon. Wir parkten auf der gegenüber liegenden Straßenseite.
Kaum hatte mein Kameramann seine Kamera aus dem Auto geholt, drang lautes Brüllen an unser Ohr. Ein sehr wütender, grauhaariger Mann kam auf uns zugerannt. "Haut ab!" rief er uns zu. "Verschwindet!" "Ich hole die Polizei!" Er schwang eine Zaunlatte über seinem Kopf, versteckte sie aber gleich wieder, denn wie auf Bestellung bog wirklich ein Polizeiauto in die Straße ein und hielt auf uns zu. Der wütende Mann rannte zu den Polizisten, gestikulierte wild, schrie ihnen ins Gesicht: "Nehmen Sie die fest! Die belästigen mich!"
Langsam rollte das Polizeiauto auf uns zu. Die Scheibe war bereits herunter gekurbelt. Zwei leicht genervte Polizisten sahen uns an, fragten, wer wir seien, für welchen Sender wir arbeiteten. Wir sagten es und die Polizisten zuckten mit den Schultern, baten uns, unser Auto ordnungsgemäß zu parken und fuhren von dannen.
Wir fuhren auch ein Stückchen weg und überlegten, was zu tun sei. Wir brauchten das Bild vom Tatort. Unbedingt! Der wütende Mann war verschwunden. Sehr leise und sehr langsam fuhren wir zum Haus zurück. Kaum hielten wir, war das Brüllen wieder da, gefolgt von seinem Verursacher, der sich wieder mit der Zaunlatte bewaffnet hatte. Ich spürte, wie mein Herz in der Kehle pochte. Ich war so aufgeregt, dass mir fast das Adrenalin aus den Ohren lief. Doch was wir tun mussten, war uns klar. Wir brauchten das Bild!
Langsam, beruhigende Worte säuselnd, gingen wir auf den Mann zu. Wir wollten mit ihm reden, ihm unseren Standpunkt klar machen und ihm erklären, dass für ihn keine Gefar bestünde. Schließlich wollten wir kein Bild von ihm machen. Uns ging es einzig und allein um das Haus gegenüber, das man bei der schlechten Beleuchtung eh nicht richtig würde erkennen können. Der Mann jedoch steigerte sich in wilde Beschimpfungen hinein, drohte mit der Zaunlatte, bezeichnete uns als Aaßgeier, die man aufhängen sollte. Wir seien schlimmer als alle Kinderschänder zusammen. Ich zitterte und es fiel mir schwer, ruhig zu bleiben.
Dann bekamen wir unerwartet Hilfe. Frau und Sohn des wilden Mannes kamen aus dem Haus, redeten beruhigend auf ihn ein und redeten und redeten - und schließlich gingen alle drei zurück ins Warme, während wir in der Kälte das Haus des Täters filmten, endlich unser Bild hatten und zurück nach Leipzig fahren konnten.
Im Auto dachte ich ausgiebig über den Sinn meiner Arbeit nach ...